Cengiz Sen
Nur noch ein Hobby ?

Viele meinen, ab einem Lebensalter von 35 Jahren mutiert der Volleyballsport zum ‘Bälle über das Netz schubsen’. Auch nach langer Spielpause darf dies zwar sein, es muß aber nicht so werden. Seit drei Jahren ist der 48-jährige Cengiz Sen wieder voll im Volleyball-Geschehen.

"Ich bin in Istanbul aufgewachsen. Herausragend an unserer Schule waren sowohl das Volleyballteam als auch die Basketballmannschaft. In beiden spielte ich mit. Da die Basketballer in einer höheren Liga spielten und somit mehr Aufmerksamkeit - auch bei den Mädchen - bekamen, lag mein hauptsächliches Engagement beim Basketball, von der Sportart her hing mein Herz aber mindestens ebenso am Volleyball."

Als Cengiz 1972 nach Berlin kam, hatte der leidenschaftliche Sportler aber andere Sorgen, als sich einen Verein zu suchen. Erst einmal ging es ums Geld verdienen. Nach einigen anderen Jobs erwarb er sich in diversen Szene-Kneipen den Ruf als ‘schnellster Zapfer Berlins’.

"Das Milieu trug nicht gerade zu sportlichen Ambitionen bei. Auch, als ich nach Hamburg kam, arbeitete ich weiter in der Gastronomie und verlegte sportliche Ambitionen eher auf die Zuschauerseite. Erst vor einigen Jahren hatte ich durch einige volleyballverrückte Gäste das Glück, die legendäre VCH-Saison mitzuerleben." Als nach der wirtschaftlichen Pleite des VCH die Mannschaft bekanntermaßen nach Norderstedt zum 1. SCN wechselte, war Cengiz auch dort zu finden.

Und hier ereilte ihn sein sportliches Schicksal endgültig. "Ich lernte Gundula kennen, die mit Thosch, einem Stammgast von uns, gerade versuchte, eine Hobby-Mannschaft aufzubauen. Ich war sofort mit dabei, am Anfang sicher mit einigen Bedenken, denn einige Pfunde Übergewicht drückten auf die Gelenke und Atembeschwerden kommen dann automatisch dazu."

Es war ein sowohl lustiger, aber auch recht ehrgeiziger Haufen, der beim SCN als Hobby Mixed - Gruppe Nr. 4 für den Freitagabend eine Trainingszeit bekam, anfangs sprang Carl-Heinz Christesen als Trainer ein, später dann mit Jurish Grantinsh. "Carl-Heinz hat uns als Mannschaft in den ersten Wochen überhaupt zusammengehalten, wir haben was gelernt, ohne überanstrengt zu werden. Durch Jurish, der zu der Zeit auch in der Bundesligamannschaft des SCN spielte, kam für mich noch eine andere Dimension dazu. Ich merkte, daß mein Bedürfnis nach Leistungsvolleyball immer noch vorhanden war."

cengizsen.jpg (45439 Byte)Foto: Thomas Koenig

In der Hobby-Mannschaft gab es unterschiedliche Ansprüche. Einige um Cengiz und Thosch herum wollten so schnell wie möglich an einem Liga-Spielbetrieb oder der Hobby Mixed - Runde teilnehmen, andere trauten sich das noch nicht zu. Man einigte sich, noch ein halbes Jahr zu warten und meldete sich dann neben der Hobby-Runde auch als Spielgemeinschaft Altona 93/1. SC Norderstedt zum Ligabetrieb an. Als neue Mannschaft wurde man der Kreisliga, Staffel 1, zugeteilt.

Die Hobby-Runde lief für Cengiz nebenher, er hatte richtig Blut geleckt: "Für mich kam alles gerade zum richtigen Zeitpunkt. Ich hatte gerade mit dem Rauchen aufgehört, und ohnehin auf ärztliches Betreiben recht erfolgreich im Kampf gegen die Pfunde. Außer Muskelkater (den aber fürchterlich) hatte ich eigentlich keine größeren Beschwerden. Einmal bin ich mit dem Fuß umgeknickt und zog mir einen Kapselriß zu, Pech, das hat eine Zeitlang gedauert, bis es wieder okay war. Aber ich hatte wohl auch den Vorteil, mich als ehemaliger Leistungssportler selbst etwas bewußter beobachten und kontrollieren zu können."

Cengiz’ Kreisligamannschaft schlug sich prächtig. Und als am letzten Spieltag dem bis dato ungeschlagenen Spitzenreiter Altonaer TSV die einzige Niederlage beigebracht werden konnte, bedeutete das auch den Aufstieg in die Bezirksklasse. Mit eigener Kneipe, dem ‘Kick & Company’, fiel das Feiern leicht. Zur neuen Saison wird das Team aufgrund organisatorischer Probleme nun komplett zum SCN hinüberwechseln.

Was fasziniert Cengiz am Volleyball ? "Es ist ein naturgemäß faires Spiel, dynamisch, elegant und hat einen hohen Anspruch an Spielverständnis, Mannschaftsgeist und Intelligenz.Eigentlich ist es das kompletteste Mannschaftsspiel."

Mit 48 Jahren ist Cengiz Sen sehr zufrieden: "Mir geht’s gesundheitlich hervorragend, deutlich besser als vor fünf Jahren, es bringt Spaß mit beiden Mannschaften, und im Training merke ich manchmal, wie ich plötzlich einen Schlag in etwa wieder so bringe, wie ich ihn vor 30 Jahren schon mal konnte."

Einen Wunsch hat der Spieler und Fan aber nach wie vor. "Schön, daß die Fischbeker Frauen in die 1. Liga aufgestiegen sind und ich hoffe, daß sie die Klasse halten. Aber die Katastrophe, die man den HSV- und VCH-Volleyballern angetan hat, die müßte wiedergutgemacht werden. Eine Männermannschaft in der 1. Liga, das wäre ein Ding !"

Peter Neese

 

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